Wichtiger Hinweis vorab: Dieser Beitrag informiert über den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung. Er ersetzt keine ärztliche Beratung. Wer regelmäßig Schlaf- oder Beruhigungsmittel einnimmt oder absetzen möchte, sollte das mit einer Ärztin oder einem Arzt besprechen — ein eigenmächtiges Absetzen kann gefährlich sein.
Die kurze Antwort auf die Frage im Titel lautet: Nach dem heutigen Stand der Forschung ist nicht belegt, dass Schlafmittel Alzheimer verursachen. Das ist keine Entwarnung ohne Einschränkung, aber es ist auch nicht das, was viele Überschriften im Netz suggerieren. Was die Forschung tatsächlich zeigt — mit Studie, Jahr und Ergebnis — steht in diesem Beitrag.
Was in Österreich zum Thema Demenz bekannt ist
Laut dem Österreichischen Demenzbericht 2025, veröffentlicht von der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) im Auftrag des Sozialministeriums, leben derzeit rund 170.000 Menschen in Österreich mit einer Form von Demenz — mit steigender Tendenz durch die alternde Bevölkerung. Die mit Abstand häufigste Form ist die Alzheimer-Demenz. Das Risiko steigt mit dem Alter deutlich: Bei Menschen über 85 Jahren sind schätzungsweise 6 bis 8 von 100 betroffen.
Wie es genau zur Erkrankung kommt, ist wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt. Ein Mangel an bestimmten Botenstoffen im Gehirn und Eiweißablagerungen zwischen den Nervenzellen dürften eine Rolle spielen.
Die zwei wichtigsten Studien zum Zusammenhang mit Schlafmitteln
1. Die große Übersichtsarbeit von 2021: ein Zusammenhang, der bei genauerem Hinsehen verschwindet
Die bisher umfassendste Auswertung stammt von Al Dawsari und Kolleg:innen, veröffentlicht 2021 im British Journal of Clinical Pharmacology. Es handelt sich um eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse, die die Ergebnisse von 33 einzelnen Kohorten- und Fall-Kontroll-Studien zusammenfasst — mit der Fragestellung, ob ein Zusammenhang zwischen der Einnahme von Benzodiazepinen oder sogenannten Z-Substanzen (siehe unten) und der Entwicklung einer Demenz besteht.
Das Ergebnis auf den ersten Blick: Menschen, die regelmäßig Beruhigungs- oder Schlafmittel eingenommen hatten, erkrankten in der Gesamtschau geringfügig häufiger an Demenz als andere — auch wenn sich dieser Zusammenhang nicht in allen 33 Einzelstudien zeigte.
Das Ergebnis bei genauerem Hinsehen: Das Forschungsteam prüfte in einer separaten Analyse, ob dieser Zusammenhang eine Scheinkorrelation sein könnte. Der Grund für diese Vorsicht: Eine Alzheimer-Erkrankung entwickelt sich über viele Jahre, und in einem frühen, noch nicht diagnostizierten Stadium gehören Schlafstörungen und innere Unruhe zu den häufigsten ersten Symptomen. Wenn Betroffene deshalb ein Schlafmittel verschrieben bekommen, entsteht in Studien ein scheinbarer Zusammenhang zwischen Medikament und späterer Demenz-Diagnose — obwohl in Wahrheit die beginnende Demenz die Ursache für die Medikamenteneinnahme war, nicht umgekehrt. Man nennt das umgekehrte Kausalität (Reverse Causation).
Um diesen Effekt herauszurechnen, werteten die Forschenden nur jene Studien erneut aus, in denen zwischen dem Beginn der Medikamenteneinnahme und der späteren Demenz-Diagnose ausreichend Zeit vergangen war. In dieser bereinigten Analyse verschwand der zuvor gefundene Zusammenhang. Das ist ein starkes Indiz dafür, dass nicht die Medikamente die Demenz auslösen, sondern dass beide mit einer bereits im Frühstadium befindlichen Erkrankung zusammenhängen.
Randomisierte, kontrollierte Studien — der einzige Studientyp, der eine echte Ursache-Wirkungs-Beziehung zweifelsfrei belegen könnte — gibt es zu dieser Frage nicht und wird es aus ethischen Gründen wohl auch nicht geben: Man dürfte Patient:innen, die ein Schlafmittel medizinisch brauchen, es nicht über Jahre vorenthalten, nur um das zu testen.
2. Die Rotterdam-Studie von 2024: große Stichprobe, langer Beobachtungszeitraum, kein Gesamtrisiko
Die aktuellste große Arbeit zu diesem Thema stammt von einem Forschungsteam um Ilse vom Hofe und Frank J. Wolters (Erasmus MC Rotterdam), veröffentlicht 2024 in der Fachzeitschrift BMC Medicine. Es ist eine bevölkerungsbasierte Kohortenstudie aus der bekannten Rotterdam-Studie mit folgenden Eckdaten:
- 5.443 Teilnehmende, zu Studienbeginn kognitiv gesund (Mini-Mental-Status-Test ≥ 26 Punkte), durchschnittlich 70,6 Jahre alt, 57,4 % Frauen
- 2.697 Personen (49,5 %) hatten in den 15 Jahren vor Studienbeginn mindestens einmal ein Benzodiazepin oder eine verwandte Substanz eingenommen
- Durchschnittliche Beobachtungsdauer: 11,2 Jahre
- 726 Teilnehmende (13,3 %) entwickelten in diesem Zeitraum eine Demenz
Eine Ausnahme mit Signal: Bei besonders hoher kumulativer Dosis von Anxiolytika (angstlösenden Mitteln) fand sich ein leicht erhöhtes Risiko — Hazard Ratio 1,33 (95-%-Konfidenzintervall 1,04 bis 1,71). Dieses Intervall liegt knapp über der 1 und gilt damit als statistisch signifikant, ist aber ein Einzelbefund innerhalb vieler getesteter Untergruppen und kein belegter ursächlicher Zusammenhang.
Was die Bildgebung zeigte: Bei einer Teilgruppe von 4.836 Personen mit wiederholten Gehirn-MRTs war die aktuelle Einnahme von Benzodiazepinen mit etwas kleineren Volumina von Hippocampus, Amygdala und Thalamus verbunden, sowie längerfristig mit einem etwas schnelleren Volumenverlust im Hippocampus. Diese bildgebenden Unterschiede fielen aber unabhängig davon auf, welche Art von Benzodiazepin oder welche Dosis eingenommen wurde — was gegen einen klaren, dosisabhängigen Wirkmechanismus spricht.
Fazit der Autor:innen selbst: In dieser Stichprobe kognitiv gesunder Erwachsener war die Benzodiazepin-Einnahme insgesamt nicht mit einem erhöhten Demenzrisiko verbunden — mögliche klassenabhängige Effekte und Zusammenhänge mit unterschwelligen Anzeichen von Nervenzell-Abbau in der Bildgebung rechtfertigen aber weitere Forschung.
Kurz erklärt: Was Hazard Ratio und Konfidenzintervall bedeuten
Damit die Zahlen oben nicht nur wie Fachjargon wirken: Eine Hazard Ratio (HR) vergleicht das Risiko zweier Gruppen über die Zeit. HR 1,0 heißt „genau gleiches Risiko wie die Vergleichsgruppe". HR 1,33 heißt „33 Prozent höheres Risiko in der Studiengruppe" — aber nur, wenn dieser Wert auch statistisch absichert ist.
Genau dafür steht das 95-%-Konfidenzintervall: die Spanne, in der der wahre Wert mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit liegt. Schließt dieses Intervall die 1 mit ein — wie bei der Gesamt-Benzodiazepin-Einnahme in der Rotterdam-Studie (0,90 bis 1,25) —, lässt sich statistisch kein verlässlicher Unterschied zur Vergleichsgruppe feststellen, selbst wenn der gemessene Wert (1,06) knapp über 1 liegt. Erst wenn das gesamte Intervall über oder unter 1 liegt — wie bei der hochdosierten Anxiolytika-Gruppe (1,04 bis 1,71) —, gilt ein Unterschied als statistisch abgesichert. Diese Unterscheidung ist der Grund, warum Fachleute so vorsichtig zwischen „kein Zusammenhang" und „ein mögliches Signal in einer Untergruppe" trennen — und warum eine Schlagzeile, die daraus ohne diese Einordnung „Schlafmittel erhöhen Alzheimer-Risiko" macht, mehr behauptet, als die Studie hergibt.
Was das Demenzrisiko nachweislich senkt
Neben den 14 Risikofaktoren unten gilt als gut belegt: Menschen, die geistig und körperlich aktiv bleiben und sozial eingebunden sind, erkranken seltener an Demenz als Menschen, bei denen das nicht der Fall ist. Das ist kein Versprechen für den Einzelfall — Demenz hat immer mehrere Ursachen gleichzeitig —, aber es ist der Teil der Forschungslage, der tatsächlich Handlungsempfehlungen zulässt, anders als die Schlafmittel-Frage.
Was der globale Expertenkonsens zu Demenz-Risikofaktoren sagt
Die international einflussreichste Zusammenfassung zum Thema Demenz-Prävention ist der Bericht der Lancet Commission on dementia prevention, intervention, and care, zuletzt aktualisiert 2024 unter Federführung von Prof. Gill Livingston (University College London) und veröffentlicht am 31. Juli 2024 im Fachjournal The Lancet. 27 international führende Fachleute werteten dafür die verfügbare Evidenz aus großen Beobachtungsstudien aus.
Das Ergebnis: 14 beeinflussbare Risikofaktoren, die zusammen für schätzungsweise 45 Prozent aller Demenzfälle weltweit mitverantwortlich sein dürften:
Niedrige Bildungsqualität in jungen Jahren, soziale Isolation, Luftverschmutzung, Schädel-Hirn-Traumata, Schwerhörigkeit, Depression, Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht, Bewegungsmangel, Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum, unkorrigierte Sehschwäche und hoher Cholesterinspiegel.
Bemerkenswert für diesen Beitrag: Die Einnahme von Schlaf- oder Beruhigungsmitteln steht nicht auf dieser Liste der 14 anerkannten, beeinflussbaren Risikofaktoren. Das heißt nicht, dass das Thema nirgends erforscht wird — siehe oben —, aber es bedeutet, dass der aktuell beste verfügbare Expertenkonsens Schlafmittel nicht als belegten Demenz-Risikofaktor einstuft, anders als etwa Bluthochdruck oder Bewegungsmangel.
Warum Schlafmittel trotzdem nicht unbedenklich sind
Dass ein direkter Zusammenhang mit Alzheimer nicht belegt ist, bedeutet nicht, dass Benzodiazepine und verwandte Mittel risikofrei sind. Gut belegt sind andere, kurzfristige Effekte:
- Akute Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen während der Einnahme — diese bilden sich nach dem Absetzen in der Regel zurück.
- Sturzrisiko bei älteren Menschen. Benzodiazepine und Z-Substanzen begünstigen Tagesmüdigkeit und Verwirrtheit, was besonders im höheren Alter zu Stürzen und Unfällen beiträgt.
- Abhängigkeitspotenzial. Die Mittel sollen deshalb grundsätzlich nur kurzfristig eingesetzt werden — die genaue Dauer legt die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt im Einzelfall fest.
Welche Wirkstoffgruppen in der Forschung untersucht wurden
Die zitierten Studien betrachten im Wesentlichen zwei verwandte Wirkstoffgruppen:
- Benzodiazepine — etwa Diazepam, Lorazepam oder Triazolam. Sie wirken beruhigend, angstlösend und schlaffördernd, indem sie die Weiterleitung von Nervenimpulsen im Gehirn dämpfen.
- Z-Substanzen — etwa Zolpidem oder Zopiclon. Chemisch anders aufgebaut, aber mit ähnlichem Wirkmechanismus und ähnlichem Nutzen-Risiko-Profil.
Was das für dich bedeutet — konkret statt vage
- Ein bestehendes Rezept ist kein Grund zur Panik. Der Zusammenhang mit Alzheimer gilt nach aktueller Studienlage als nicht belegt.
- Setze ein Schlafmittel nicht eigenmächtig ab. Ein plötzliches Absetzen von Benzodiazepinen kann selbst gesundheitliche Risiken bergen — das gehört in ärztliche Hände.
- Sprich bei langfristiger Einnahme aktiv die Dauer an. Nicht wegen Alzheimer, sondern wegen des belegten Sturz- und Abhängigkeitsrisikos, besonders im höheren Alter.
- Die 14 belegten Risikofaktoren sind der wirksamere Hebel. Wer etwas für sein Demenzrisiko tun will, findet in Bluthochdruck-Kontrolle, Bewegung, Gehör-Check, sozialer Aktivität und Rauchstopp die Faktoren mit der besten Evidenz.
- Bleib skeptisch bei Überschriften, die aus „könnte einen Zusammenhang geben" ein „verursacht" machen. Genau diese Verkürzung ist bei diesem Thema besonders verbreitet.
Fragen, die sich für das nächste Arztgespräch lohnen
Wer ein Schlafmittel schon länger nimmt oder gerade eines verschrieben bekommt, kommt mit diesen Fragen besser vorbereitet ins Gespräch — unabhängig von der Alzheimer-Frage:
- Ist dieses Mittel für eine kurzfristige oder eine langfristige Einnahme gedacht, und woran orientiert sich die Dauer in meinem Fall?
- Welche nicht-medikamentösen Alternativen gibt es für meine Schlafprobleme — etwa Schlafhygiene-Maßnahmen oder eine kognitive Verhaltenstherapie bei Insomnie?
- Worauf sollte ich bei Tagesmüdigkeit oder Gangunsicherheit besonders achten, gerade im höheren Alter?
- Wie sollte ein Absetzen ablaufen, falls das irgendwann ansteht — abrupt ist bei diesen Wirkstoffgruppen in der Regel keine gute Idee.
Häufige Fragen
Verursachen Schlafmittel Alzheimer?
Nach dem aktuellen Stand der Forschung ist das nicht belegt. Eine große Übersichtsarbeit aus 2021 fand zunächst einen leichten Zusammenhang, der aber verschwand, sobald umgekehrte Kausalität (beginnende Demenz führt zur Medikamenteneinnahme, nicht umgekehrt) herausgerechnet wurde. Eine große Kohortenstudie aus 2024 fand insgesamt kein erhöhtes Risiko.
Welche Schlafmittel wurden untersucht?
Vor allem Benzodiazepine (etwa Diazepam, Lorazepam, Triazolam) und sogenannte Z-Substanzen (etwa Zolpidem, Zopiclon).
Gibt es gar kein erhöhtes Risiko bei irgendeiner Gruppe?
Die Rotterdam-Studie 2024 fand bei besonders hoher kumulativer Dosis von Anxiolytika ein leicht erhöhtes Risiko (Hazard Ratio 1,33). Das ist ein einzelnes Signal innerhalb einer größeren Auswertung und kein belegter ursächlicher Zusammenhang — aber ein Hinweis, den weitere Forschung klären sollte.
Was ist wissenschaftlich bewiesen an Risiken von Schlafmitteln?
Kurzfristige Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen während der Einnahme, ein erhöhtes Sturzrisiko bei älteren Menschen und ein Abhängigkeitspotenzial bei langfristiger Einnahme. Diese Risiken sind unabhängig von der noch ungeklärten Alzheimer-Frage gut belegt.
Wie viele Menschen sind in Österreich von Demenz betroffen?
Rund 170.000, mit steigender Tendenz, laut dem Österreichischen Demenzbericht 2025 der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG).
Welche Risikofaktoren für Demenz sind tatsächlich belegt?
Die Lancet Commission nennt 2024 vierzehn beeinflussbare Faktoren — darunter Bluthochdruck, Diabetes, Bewegungsmangel, Rauchen, Schwerhörigkeit, Depression und soziale Isolation —, die zusammen für rund 45 Prozent aller Demenzfälle weltweit mitverantwortlich sein dürften. Schlafmittel gehören nicht zu dieser Liste.
Soll ich mein Schlafmittel absetzen?
Das entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt gemeinsam mit dir. Ein eigenmächtiges Absetzen ist nicht ratsam. Die Entscheidung sollte sich an den belegten kurzfristigen Risiken orientieren, nicht an einem unbelegten Alzheimer-Zusammenhang.
---
Quellen: Al Dawsari, A. et al. (2021): „Use of sedative-hypnotic medications and risk of dementia: A systematic review and meta-analysis", British Journal of Clinical Pharmacology. — vom Hofe, I. et al. (2024): „Benzodiazepine use in relation to long-term dementia risk and imaging markers of neurodegeneration: a population-based study", BMC Medicine, 22:266. — Livingston, G. et al. (2024): Lancet Commission on dementia prevention, intervention, and care, The Lancet, 31.07.2024. — Österreichischer Demenzbericht 2025, Gesundheit Österreich GmbH im Auftrag des Sozialministeriums. Faktencheck-Einordnung zusätzlich abgeglichen mit medizin-transparent.at (Cochrane Österreich, Universität für Weiterbildung Krems).
Dieser Beitrag ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Fragen zu deiner Medikation wende dich an deine Ärztin oder deinen Arzt.




